Fledermauskroete

FUNDSTÜCKE

Meeting of Minds
Institut für Forschungsevaluation

Absurdistan
Wissensfreiheit
Jubeljahr
Panorama der Zukunftsfragen
Wellenbewegungen
Wissenschaftskommunikation
Determinismus, freier Wille

 

Ankündigung: "Meeting of Minds" - Europäische Bürgerkonferenz zur Hirnforschung
Öffentlicher Dialog zwischen Bürgern und Sacherverständigen vom 25. bis 27. November 2005

Die Hirnforschung befindet sich auf dem Weg, die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts zu werden. Ähnlich wie die Gentechnologie sind mit ihr Hoffnungen und Chancen, aber auch Befürchtungen und Risiken verknüpft. Diese betreffen einerseits die Debatte um den freien Willen und die damit verbundenen rechtlichen Implikationen, andererseits den Bereich der medizinischen Anwendungen. Sollten beispielsweise Menschen, die aufgrund von "Hirnscans" als gefährlich eingestuft werden, vorsorglich weggeschlossen werden? Wie zuverlässig ist die Diagnose ADHS und ist "Ritalin" ein geeignetes Mittel, um die Symptome zu behandeln? Wo verläuft die Grenze zwischen der Behandlung von Krankheiten und der Steigerung individueller Leistung - Medikament vs. Lifestyle-Droge? Diese und ähnliche Fragen sollten nicht nur an Wissenschaftler gestellt werden, vielmehr gilt es, auch ganz "normale" Bürger in die ethische Bewertung von Hirnforschung mit einzubeziehen.

Die europäische Bürgerkonferenz "Meeting of Minds", die vom Deutsches Hygiene-Museum Dresden mit veranstaltet wird, verfolgt das Ziel, einen Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit herzustellen. Aus diesem Grund wurden jeweils 14 Bürgerinnen und Bürger aus neun verschiedenen Ländern ausgewählt, die sowohl auf nationaler, als auch auf internationaler Ebene gemeinsam über das Thema Hirnforschung diskutieren und am Ende eine Stellungnahme verfassen werden, die an Wissenschaftler, Politiker und die allgemeine Öffentlichkeit weitergereicht wird.

Während der öffentlichen Tagung vom 25. bis 27. November 2005 wird die deutsche Bürgergruppe ihre Fragen zur Hirnforschung mit geladenen Sachverständigen und dem Publikum diskutieren. Inhaltlich stehen die Themen "Regulierung und Kontrolle", "Normalität vs. Diversität", "Information der Öffentlichkeit", "Einfluss ökonomischer Interessen", "Gleicher Zugang zu Behandlungsmethoden" und "Entscheidungs-freiheit" im Zentrum der Diskussion.

Alle Interessierten sind herzlich zu dieser Tagung eingeladen!

Kontakt:
Katja Kailer
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
EU-Bürgerkonferenz
Lingnerplatz 1
01069 Dresden
E-mail: buergerkonferenz@dhmd.de
Anmeldung und weitere Information unter www.buergerkonferenz.de


Neues Institut für Forschungsevaluation

Welche Hochschule ist weltweit die beste? Über Sinn und Unsinn dieser Frage darf wieder gestritten werden, nachdem Anfang August eine neue Auflage des "Academic Ranking of World Universities" erschienen ist. Zuoberst stehen, nicht ganz unerwartet, ausschließlich Universitäten aus englischsprachigen Ländern. Die beste deutsche Universität ist die LMU München, sie liegt auf Platz 51. Der Aussagewert des Rankings ist umstritten ­ unter anderem, weil etwa die Qualität der Lehre kaum in die Bewertung einfließt. 2004 konnte die HU Berlin die FU Berlin um 100 Plätze übertrumpfen, weil ihr Einstein und einige weitere, längst verstorbene Nobelpreisträger der Weimarer Zeit zugesprochen wurden.

Was zeigt das? In Zeiten von Eliteförderung und engen Budgets nimmt der Konkurrenzkampf unter den Hochschulen und Wissenschaftlern zu ­ genauso wie die Unsicherheit darüber, was Qualität eigentlich heißen soll. Um der deutschen Forschungslandschaft und sich selber in dieser Frage Orientierung zu verschaffen, hat die DFG für Herbst 2005 eine "Hilfseinrichtung für die Forschun" ins Leben gerufen: Das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ). Das IFQ soll sich "insbesondere mit der Weiterentwicklung von Methoden und Instrumenten im Bereich der Forschungsevaluation" befassen (www.dfg.de/ifq/). Leiter des Instituts wird übrigens der Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel, der auch schon für die Gegenworte geschrieben hat (vgl. Gegenworte Nr. 5 zum Thema Evaluation). Bleibt abzuwarten, ob die Evaluierung auch dazu beitragen wird, dass auch die Lehre das Ranking beeinflußt.


Absurdistan

"Der Staat ist für die Menschen und nicht die Menschen für den Staat." Diese Worte, die einen stutzen lassen, schmücken seit gestern die Nordfassade des Bundeskanzleramtes und stam-men von keinem Geringeren als Albert Einstein, der für seine kompromißlosen pazifistischen und demokratischen Überzeugungen berühmt und gefürchtet war. Das Zitat von Bundeskanzler Gerhard Schröder höchstpersönlich ausgewählt und anläßlich des Einstein-Jahres selbst enthüllt stammt aus einer Rede, die der Begründer der Relativitätstheorie 1932 auf der Abrüstungskonferenz in Genf gehalten hat. Also kurz bevor er Deutschland den Rücken gekehrt hat. "Jedes staatliche Handeln solle dem Menschen zugute kommen Regierungsarbeit genauso wie Wissenschaft und Forschung", fügte der Kanzler sinnig hinzu, der sich in der Rolle als Vermittler seiner eigenen Politik sichtlich gefällt und mit Albert Einstein dieses Jahr wie er meint einen Verbündeten gefunden hat. Während man in Berlin in Gedenklaune ist und für das Einstein-Jahr reichlich Gelder sprudeln läßt, hängen in Sachsen die Flaggen auf halbmast. Dort wird um das Erbe eines großen Mannes getrauert, bei dem sich Albert Einstein 1901 um eine Stelle beworben hat, als er das Polytechnikum in Zürich gerade verlassen hatte vergeblich, wie man heute weiß. Die Rede ist vom Vater der Katalyse und Nobelpreisträger von 1909, Wilhelm Ostwald. Ohne größere Vorwarnung hat das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst die Mittel für das Wilhelm-Ostwald-Archiv dieses und kommendes Jahr gestrichen und damit den wissenschaftlichen und literarischen Nachlaß des streitbaren Universalgelehrten gewissermaßen sich selbst überlassen. Aus Sparzwängen, wie es offiziell heißt,, kann man den Betrag von weniger als fünfzigtausend Euro nicht länger zahlen. "Peanuts" in Anbetracht der dreizehn Millionen Euro, die den Machern des Einstein-Jahres zur Verfügung stehen. Doch mit der ausbleibenden Zahlung aus Dresden fehlt der Ostwald-Gesellschaft, die sich bislang um das Erbe des großen Chemikers mit viel Enthusiasmus gekümmert hat, etwa die Hälfte ihres ohnehin knappen Budgets. Als Konsequenz hat die Gesellschaft ihren wenigen Angestellten gekündigt und das Museum und die Gedenkstätte in Großbothen bei Leipzig, wo Ostwald lange Zeit gewirkt hat, geschlossen. Ein schwerer Schlag für alle Betroffene einschließlich all jener, die in Großbothen nun vor verschlossenen Türen stehen. Absurd dazu, denn das ganze Objekt in Großbothen, einschließlich des Nachlasses Ostwalds, ist seit 1994 das Eigentum von Sachsen. War der Freistaat lange Zeit stolz auf den Mann, der die Universität Leipzig zum Mekka der physikalischen Chemie ausgebaut hat, die Bunsengesellschaft gründete und viele philosophische sowie soziologische Beiträge lieferte, so scheint nun in Dresden jedes Bewußtsein für Ostwalds Erbe zu fehlen. "Deutschland sollte sich seiner Denker wieder erinnern", forderte kürzlich Forschungsministerin Edelgard Bulmahn während der offiziellen Eröffnung des Einstein-Jahres. In Dresden ist man offensichtlich auf diesem Ohr taub. (FAZ vom 2. Februar 2005)


Wissensfreiheit

Auch wenn das Internet (noch) nicht spürbar dazu beigetragen hat, althergebrachte politische Strukturen aufzubrechen, so ist dank Internet-Tagebüchern (Blogs) und Wikis zumindest das Wissen etwas freier geworden. In freien Enzyklopädien wie der berühmten Wikipedia ist jeder Internetnutzer dazu eingeladen, sein Wissen zu vernetzen - in über hundert Sprachen stehen inzwischen mehr als eine Million Artikel zur Verfügung, die frei ergänzt oder verändert werden können.

Es ist eine spannende Frage, inwiefern dieser Prozess zur Demokratisierung der Wissenschaft beitragen kann. Vielleicht findet man Antworten darauf auf der ersten internationalen Wikimania-Konferenz, die vom 4. bis zum 8. August 2005 in Frankfurt stattfindet. Neben Wissenschaftlern werden viele "prominente Vertreter aus der Welt des freien Wissens" erwartet, unter anderem sind Auftritte von Ward Cunningham, dem Erfinder des Wiki-Konzepts, sowie Jimmy Wales, dem Gründer der Wikipedia, geplant. Weitere Informationen unter: wikimania.wikimedia.org. (Mehr zu Digitalisierung der Wissenschaften in Heft 8 der GEGENWORTE)


Jubeljahr

2005 ist das Jahr der gefeierten Geistesgrößen:

Thomas Mann, Montesquieu, Jules Verne (www.julesverne-2005.com), Tocqueville, Adalbert Stifter (www.stifter2005.at), Hans Christan Andersen (de.hca2005.net), Schiller (www.schillerjahr2005.de), Sartre, der österreichische Heimatdichter Ludwig Ganghofer (www.ganghofer.kaufbeuren.de), und nicht zu vergessen die Lichtgestalt Einstein.

Diesen Männern sind Tausende Veranstaltungen gewidmet, die offiziellen Kosten für die Festivitäten belaufen sich auf über 60 Mio. €. Das Forschungsbudget Serbiens beträgt 80 Mio. €.

Wir wollten wissen, wer ist der Gefeiertste der Gefeierten und ließen Jules Verne, Einstein und Schiller, Hans Christian Andersen und die österreichischen Heimatdichter Ganghofer und Stifter gegeneinander antreten: Aus Webpräsenz, Fördermitteln und Anzahl der Events haben wir für jeden von ihnen einen monatlichen Eventkoeffizienten errechnet.

Es zeichnet sich ein enges Rennen zwischen dem dänischen Märchendichter und dem deutsch-schweizerisch-amerikanischen Relativitätstheoretiker ab. Die beiden Heimatdichter landen wenig überraschend abgeschlagen auf den letzten Plätzen.

Die Angaben sind wie immer ohne Gewähr.


Panorama der Zukunftsfragen

Politiker, Wissenschaftler und Eventbegeisterte schauen aber auch gerne in die Zukunft. Wie werden wir in 15 Jahren leben? Was können wir von Technologie und Forschung erwarten?

Auf diese Fragen findet man jetzt im Internet neue Fragen. Im Rahmen des Forschungsdialogs Futur und ganz im Sinne der stärkeren Vernetzung von Wissenschaft und Gesellschaft hat das BMBF die Internetplattform 'Panorama der Zukunftsfragen' gestartet. Die nach Expertensicht "für unsere Zukunft im Jahre 2020 relevanten" Themen werden skizziert und Lösungsansätze für die Herausforderungen beschrieben.

Der gemeine Nutzer kann die vorgestellten Szenarien ("Gesund bis ins hohe Alter", "Das Denken verstehen" und "Leben in der vernetzten Welt" ...) online auf ihre Relevanz hin bewerten und kommentieren und hat damit die Chance, den Futur-Experten bei ihren Zukunftsvisionen zuzureden. Die Resultate fließen gemäß BMBF in die weitere Arbeit des Forschungsdialogs ein.
 

Wellenbewegungen

Die Evaluitis, diagnostiziert unter anderem in Gegenworte Nr. 5, grassiert weiter. Aus Anlass des CHE-Forschungsranking 2004 widmet sich die Zeit (08/2005) mit einem Schwerpunkt dem Thema. Zu Wort kommt dort auch Stefan Hornbostel, Rankingexperte und Gegenworte-Autor: In Heft 5 schrieb er über Galilei und die Grenzen des Messens. Das Heft ist demnächst vergriffen, einige wenige Exemplare können noch bestellt werden.

Immer wieder abgedruckt und vorgetragen (z. B. in Morgenwelt - Magazin für Wissenschaft und Kultur, 02.05.2004): Im Herbst 2003 hatte der Mathematiker Peter Deuflhard auf Bitte der Gegenworte eine kleine Kulturgeschichte des Blicks von Forschern auf das Innenleben von Toten geworfen (Leseprobe). Heute verwenden die Wissenschaftler dafür die Computertomografie, zu Leonardo da Vincis Zeiten mussten wissbegierige Ärzte und Künstler bei Bedarf die Leichen stehlen.

Peter Weingart hat seine Aufsätze, von denen allein vier in den Gegenworten erschienen sind (vergleiche die Hefte 2, 3, 10 und 11) und einer für den - von den Gegenworten initiierten - Band Wissenschaftskommunikation geschrieben wurde, zu einem Buch mit dem Titel Die Wissenschaft der Öffentlichkeit. Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit zusammengebunden (erschienen bei Velbrück).

Aleida Assmann erzählte in Heft 11 (Leseprobe), wie sie das beinahe Unmögliche schaffte und als Hausfrau mit fünf Kindern in der Wissenschaft Karriere machte. Der Beitrag wurde inzwischen im Tagesspiegel vom 31. 8. 2003 unter dem Titel "Nimm zwei: Kann man als Frau Familie haben und trotzdem Karriere machen? Ein Erfahrungsbericht" noch einmal abgedruckt; außerdem wird er 2005 in einem Buch mit dem Titel Karriere und Kind. Erfahrungsberichte von Wissenschaftlerinnen (Campus-Verlag) erscheinen.

Im Freitag (10. Januar 2003) konnte man das Gespräch nachlesen, das Bernhard Pörksen mit dem Biologen Humberto Maturana über autopoietische Maschinen und die Organisation des Lebendigen geführt hat - erstmalig abgedruckt in Gegenworte 10. (Leseprobe)


Wissenschaftskommunikation

Einen ersten Überblick über die rasch wachsenden Aktivitäten im Bereich Wissenschaftsvermittlung liefert der Band Wissenschaftskommunikation. Streifzug durch ein 'neues' Feld (herausgegeben von Indre Zetzsche, erschienen im Lemmens Verlag Bonn).

Das Buch greift eines der zentralen Gegenworte-Themen auf: die sich neu justierenden Verhältnisse zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (vgl. Heft 3 und Heft 11). Was früher Experten vorbehalten war, sieht und hört man seit einigen Jahren an vielerlei öffentlichen Plätzen: Wissenschaft und ihre Themen werden in TV und Radio ausgestrahlt, in Tageszeitungen vor- und im Museum ausgestellt. Mag es der Wissenschaft und dem Journalismus auch schlecht gehen, die Wissenschaftsvermittlung ist ein Wachstumsgewerbe.

Angefangen bei Science Centern über Schulen, Agenturen und Ausbildungsgängen, bis hin zu Bürgerinitiativen und dem Engagement von Stiftungen, Bundesministerien und der Wirtschaft beschreibt der Band neue 'Formate' und neue alte Formen der Wissenschaftsvermittlung. Neben einer 'Link-Liste' von mehr als 500 Adressen enthält das Buch u. a. Beiträge von Peter Weingart - Mitglied der BBAW und ein fleißiger Gegenworte-Autor - und Hazel Rosenstrauch, Redakteurin der Gegenworte, die zum Weiterdenken einladen: Womit haben wir es zu tun? Was passiert, wenn sich Wissenschaft und Öffentlichkeit nähern und die bisher existenzielle Trennung zwischen Forschung, Politik und Wirtschaft verschwindet?


Determinismus, freier Wille

Der Determinismus ist wieder da. Im 19. Jahrhundert en vogue schien er begraben. Nach Jahrzehnten, in denen Psyche, Umwelt und Erziehung für menschliches Handeln verantwortlich gemacht wurden, steht nun die Willensfreiheit wieder zur Disposition.

Randolf Menzel, Wolf Singer und Gerhard Roth (die auch Gegenworte-Autoren sind) haben zusammen mit acht anderen deutschen Hirnforschern ein Manifest veröffentlicht, in dem sie zum Stand und zur Zukunft der Hirnforschung Stellung nehmen: www.gehirnundgeist.de.

In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fand ein Streitgespräch zur Freiheit des Willens statt; dazu erschien der Band Zur Freiheit des Willens, Debatte Heft 1, BBAW 2004.

Zu dem Thema Willensfreiheit siehe auch Wolfgang Klein in Gegenworte 13 (Leseprobe).