Heft 15 - Angela Bitttner: MODERNER PERSONENKULT Ein Lexikonartikel der; des [-es], die [-e]; (etrusk.-lat. Mensch + lat. Pflege). Personenkult, die übertriebene Verehrung von Personen, genannt Personenkult, geht auf Formen besonderer Anbetung von Göttern, später einzelner Lebender bereits im Altertum zurück und zieht sich bis in die moderne Zeit u. a. bei Diktatoren, später auch bei Schauspielern und Sportlern. Gemeinsame personifizierte Kultobjekte waren lange Zeit für den Menschen lebenswichtige und schicksalbestimmende Gegebenheiten der Natur und des Kosmos. Im m P Übertragung auf schicksalhafte Wendungen der Gesellschaft. Zu unterscheiden ist zwischen Privatkult und offiziellem Kult (E. Stein, Mod. Kult u. s. ant. Wurzeln, 1905ff.)
Die meist religiös überhöhte moderne Verehrung von Personen mit festen Vollzugsformen einer Kultgemeinschaft steigert sich - für die Kultteilnehmer oft nicht wahrnehmbar - von einfachen Verehrungsformen wie Bronzetafeln, Gedenkschriften, Münzen, Gedenkkolloquien, Namensgebungen bei Straßen etc. zu komplexen Formen bedingungsloser Verehrung im öffentlichen Raum. Eine der möglichen Endformen sind Massenveranstaltungen mit Omnipräsenz der verehrten Person im öffentlichen Raum in Form von Porträts, Aussprüchen, Inschriften oder hohen Auflagen der jeweiligen Werke. Die private Sphäre der Kultteilnehmer bleibt von den offiziellen Kulthandlungen meist unberührt. Typische Beispiele für Formen des m P finden sich im Sozialismus. Hier ist der Personenkult oft von einer damnatio memoriae gefolgt (zur damn. memor. und zur weiteren religiösen Verehrung nach dem Tod oder der Verwerfung aller Handlungen s. Kl. Pauly, I, 1374). Bedingt wird dieses Verdammen nach dem Tode durch die Inanspruchnahme des Menschen unmöglicher Leistungen zu Lebzeiten. Aufgrund der damn. memor. sind Artefakte des modernen Personenkultes für Archäologen kaum auffindbar. In letzter Zeit ist der Personenkult im öffentlichen politischen Raum weniger ausgeprägt zu finden. Neue Zielobjekte sind nun Schauspieler, Sänger, Politiker, aber auch Wissenschaftler. Meist ist ihre Verehrung postum und hat keinen Bezug zu aktueller Macht oder Einflussnahme. Ebenso hat die persönliche Einstellung des Verehrten zum Personenkult keinerlei Einfluss auf die Entscheidung der Nachkommenden über die Form der Anbetung. Die Verehrung kann aber auch bereits zu Lebzeiten einsetzen und bis zu einem Jahrhundert andauern (s. A. Einstein). Von einer damn. memor. bei verehrten Wissenschaftlern ist bisher nichts bekannt. Lexikon wissenschaftlicher Grundbegriffe, 22. Auflage. Berlin 2005 |