Heft 15 - Christiane Fellbaum: BERÜHRUNGSRELIQUIEN Wo immer auf der Welt man sich als Einwohner von Princeton identifiziert, fällt unweigerlich der Name Einstein. Die Einwohner, die tatsächlich eine hautnahe Beziehung zu ihm hatten, sind inzwischen fast alle verstorben, und man kann die Neugier des fragenden Besuchers nur schwach befriedigen, indem man zum Beispiel auf Ed Regis' Buch Who got Einstein's Office? hinweist (das Buch selbst gibt die Antwort nicht, aber die Identität des gegenwärtigen Bewohners des Einstein'schen Büros ist ein offenes Geheimnis).
Der Normalbürger, in Princeton nach Einsteins Spuren forschend, hat kaum Gelegenheit, das Institute for Advanced Study aufzusuchen und Einsteins Büro zu besichtigen, und muss sich mit einer Außenansicht von Einsteins Haus begnügen. Allerdings ist die Mercier Street inzwischen eine stark befahrene Straße ohne legale Halte- oder Parkmöglichkeiten, und wer vor der Nummer 112 auf die Bremse tritt, riskiert ungeduldiges Hupen oder eine verbeulte Stoßstange. Der Spaziergang erfordert echte Motivation, und das kleine, unscheinbare Haus enttäuscht meist, da es der überdimensionalen Figur nicht angemessen scheint. Two Degrees of Separation
Auch ich hatte nie eine direkte Beziehung zu Einstein, aber immerhin die Erdös-Zahl zwei*. Ein alter Freund, Valentine 'Valja' Bargmann, war emeritierter Professor für mathematische Physik an der Princeton University und hatte mehrere Jahre lang mit Peter Bergmann als eine Hälfte des wissenschaftlichen Assistentenpaars 'Berg and Barg' mit Einstein gearbeitet. 1988 starb der verwitwete Valja plötzlich und kinderlos. Das Krankenhaus hatte meine Telefonnummer und forderte mich nüchtern auf, mich um die Angelegenheit zu kümmern. Auf dem Esstisch in der Wohnung lag ein Testament, rücksichtsvoll platziert zum schnellen Finden. Zu meiner Überraschung (und meinem Erschrecken) fand ich mich als Testamentsvollstreckerin genannt - diese delikate Frage war zu Lebzeiten der Bargmanns nie erörtert worden. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich keinerlei Erfahrung mit Testamentsvollstreckungen hatte, akzeptierte ich das Amt, sozusagen als letzten Freundschaftsdienst. A Touch of Einstein
Neben gewichtigeren Aufgaben, die Termine bei Notaren mit sich brachten, schien die Auflösung des Haushalts relativ banal. Das Ehepaar Bargmann, Flüchtlinge aus dem faschistischen Europa, lebte außergewöhnlich einfach und anspruchslos. Die Möbel und Teppiche in der winzigen, von der Uni gemieteten Wohnung waren altmodisch, abgenutzt und zum Teil schon vor Dekaden aus zweiter Hand angeschafft worden. Dennoch wollte ich ihr weiteres Überleben so würdevoll wie möglich gestalten. Es war nicht nötig, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, denn der Einstein-Faktor sorgte für lebhaftes Interesse und sicherte selbst den bescheidensten Objekten ein langes Nachleben. Princeton ist eine Kleinstadt, und Neuigkeiten sprechen sich schnell herum. Ich hätte kaum die Annonce in der Stadtzeitung aufgeben und den Verkauf des Haushalts eines ehemaligen Einstein-Assistenten ankündigen müssen. Briefe und Telefonanrufe forderten Erbstücke, die einer der Bargmanns angeblich dem Schreiber oder Anrufer versprochen hatte. Dies waren insbesondere Stücke, die (zumindest vermeintlich) von Einsteins Hand berührt worden waren. Ich erinnere mich gut an eine Reihe von kleinen, ungeschickten Tonfiguren, die ich insgeheim und sentimental mit Sonja Bargmanns Kindheit verband. Ich wies sie geistig den Gegenständen zu, die man jetzt sicher guten Gewissens wegschmeißen könnte, da ihre Besitzerin, die diese rührend ungeschickten Klumpen an ihre Kindheit erinnerten, nicht mehr lebte. In der Tat waren sie von Margot Einstein, Alberts Tochter, hergestellt worden und wohl als Geschenk oder Nachlass aus dem Einstein'schen Haushalt in den der Bargmanns gewandert. Und jetzt kam ein Brief, der sie einforderte, implizierend, dass es sich um wertvolle Stücke handele, die nicht anderweitig zu vergeben seien. Im Testament stand nichts von den Figuren, und die Briefschreiberin war an keiner Stelle erwähnt. Ich war etwas verunsichert, wusste aber, dass ich meine Aufgabe ehrlich und gerecht erfüllen musste. Da ich mit der Haushaltsauflösung frei verfahren konnte, entschied ich mich, eine alte, treue Freundin der Bargmanns um Rat zu fragen. Sie wies das Ansinnen als unbegründet ab, denn die Schreiberin war ihr wohl bekannt, und als Belohnung bat ich sie, die schweren Lehmfiguren doch anzunehmen und zumindest vorübergehend anonym zu hüten, was sie etwas widerwillig und ohne große Begeisterung tat. Als sie selbst starb, habe ich mich nicht nach dem Schicksal der Töpfereien erkundigt. Ich versuche mich zu überzeugen, dass ihre eigenen Kinder und Enkel in Unwissen über die Herkunft der Figuren das taten, was ich mit ihnen auch fast getan hätte ... Einstein for sale
Valja Bargmanns äußerst einfache, fast ärmliche Lebensweise bestimmte auch die Wahl seines Klaviers. Valja spielte hervorragend, und in einem frühen Schulzeugnis fand ich die Empfehlung, er sollte Musiker werden. Trotz seines beachtlichen Talents besaß er nur ein bescheidenes Instrument mit einer winzigen Klaviatur und nicht den Flügel, der seinem Können angemessen gewesen wäre. Doch dieses Klavier war ungemein wertvoll, denn es war allgemein bekannt, dass Bargmann und Einstein oft zusammen musizierten. Obwohl Einstein Violine spielte, war die Wahrscheinlichkeit einigermaßen hoch, dass er auch einmal eine Taste niedergedrückt hatte, vielleicht zum Stimmen seiner Geige. In der Tat kam sofort ein Anruf von einer Princeton-Professorin mit der dringenden Bitte, dieses Klavier nur ihr und niemand anderem zu verkaufen. Sie fragte nicht nach dem Preis, was gut war, denn ich hatte mich weder auf die rege Nachfrage noch die Möglichkeit eines 'Einstein-Preisaufschlags' vorbereitet. Die Professorin versicherte, dass sie den Kauf so schnell wie möglich abschließen und persönlich in die Wohnung kommen würde. Sie fühlte sich noch verpflichtet, als Käufer-Qualifikation anzugeben, dass sie eine Gesangsausbildung absolviert hatte und hier und da bei Liederabenden mitwirkte. Als sie dann auf dem Fahrrad herbeigeeilt war, war sie von dem kleinen Instrument nicht abgeschreckt, sondern stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, dass ich mein Wort gehalten und das Klavier nicht während ihrer Anfahrt anderweitig verkauft hatte. Inzwischen war mir der Wert des Klaviers als Berührungsreliquie klar geworden, und ich nannte kühn einen Preis, der gewiss lächerlich hoch lag, vor allem in einer Stadt, wo man gute gebrauchte Klaviere recht leicht erstehen konnte. Nachdem der Preis ohne Zögern angenommen worden war, sah meine Aufgabe, den Rest des Haushalts zu liquidieren, plötzlich nicht nur leichter, sondern auch unterhaltsamer aus. Das Klavier zeigte, dass der Nachlass als Berührungsreliquiensammlung ungeahntes Potenzial barg. Von jetzt an schien jedes Stück, egal wie alltäglich, von einem nur mir unsichtbaren Heiligenschein umgeben. Ich setzte Termine mit interessierten Käufern in der Bargmannschen Wohnung an und erklärte mit ernsthafter Miene jedes Möbelstück und jeden Küchengegenstand zu einem von Einstein berührten Objekt. Einstein hat auf diesem Stuhl gesessen und nachgedacht, Einstein hat sich in diesem Spiegel betrachtet usw. Bald war die Wohnung leer. Ich erinnere mich nur noch an einen Schneebesen, den niemand kaufen wollte und den ich für mich behielt. Man weiß ja nie. * Erdös-Zahl bezieht sich auf die Frage, wie eine gegebene Person mit einer anderen verbunden ist. Ich beziehe mich auf das in den USA bekannte Konzept, weil bei der Verfertigung eines solchen Artikels alle Leute fragen, ob man selbst etwas mit Einstein zu tun hat. |  |