Heft 16 - Aleida Assmann: VOM BRIEFWECHSEL ZUM E-MAIL-EXERZITIUM


Wissenschaft findet nicht nur an universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, in Hörsälen, Konferenzräumen und Labors statt. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hatte sie einen weiteren Locus classicus, der heute, soweit ich sehe, im Verschwinden begriffen ist: die Privatkorrespondenz. Dieses Medium des wissenschaftlichen Austauschs, das die lateinisch schreibenden Humanisten erfunden haben, hat sich seit dem 18. Jahrhundert fest etabliert und ist bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts die entscheidende Plattform für das Forschen, Denken und Argumentieren geblieben. Einer Veröffentlichung von neuen Einsichten und Thesen ging in der Regel dieser kommunikative Austausch auf handschriftlicher Basis voraus, in dem die Bewertung neuer Funde und wichtige Weichenstellungen in der Forschungsrichtung auf dem Postweg verhandelt wurden.

Dass dem so war, lässt sich buchstäblich mit Händen greifen. Man braucht nur in die Archive zu gehen, wo die Nachlässe von Gelehrten aufgehoben werden. Den entscheidenden Anteil an diesen Hinterlassenschaften haben die fachbezogenen Briefwechsel, die im Falle kanonisierter Gelehrter inzwischen auch im Rahmen ihrer Werkeditionen mit veröffentlicht werden.

Was sich heute in den Rückständen der Archive niederschlägt, war einst ein zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Lebensform. Zum Lebensrhythmus eines Gelehrten gehörte nicht selten eine strikte Regelung des Tagesablaufs, die vorsah, dass man am Vormittag Kolleg hielt und den Nachmittag nach dem Verdauungsschlaf ausschließlich der Korrespondenz widmete. Die wissenschaftliche Bedeutung, die der Korrespondenz zugemessen wurde, zeigt sich in der Zeitbudgetierung im Tageslauf des Gelehrten ebenso wie in der Sorgfalt und der Kultur des Schreibens. In diesem Medium wurde halb formell vorartikuliert, was später in Aufsätzen und Buchkapiteln zu lesen war; hier wurden neue Gedanken auf ihre Akzeptanz und Belastbarkeit getestet, bevor sie im Druck erschienen. Dank dieses handschriftlichen Vorlaufs blieb Wissenschaft weitgehend eine kommunikative Angelegenheit, die auch noch in ihrer schriftlichen Verfasstheit wesentlich dem Gespräch verpflichtet war.

Man kann sich fragen, was heute aus dieser Kommunikationsform geworden ist. Wird es auch in diesem Jahrhundert noch bedeutende Briefwechsel geben, die es wert sind, archiviert und ediert zu werden? Der kommunikative Austausch in der Wissenschaft findet weiterhin und sogar forciert statt, doch die Formen haben sich geändert. Eine davon ist die graue Antragsprosa der Sonderforschungsbereiche. Diese Gattung des gemeinsamen und interaktiven Schreibens hat ausschließlich einen forschungs-föderungs-strategischen Status und ist überholt, sobald das erwünschte Ziel der Drittmitteleinwerbung erreicht wurde. Es ist kaum vorstellbar und auch nicht unbedingt wünschenswert, dass spätere Generationen diese Textsorte irgendwann einmal für sich entdecken und sich an die Publikation der broschierten Bände machen werden.
 

Eine andere Form, in der das handschriftliche Gelehrtengespräch fortlebt, ist das morgendliche oder abendliche E-Mail-Exerzitium, das ebenfalls zum festen Bestandteil eines wissenschaftlichen Tageslaufs geworden ist. Von der Überschwemmung durch Spams, mit der sich unsere Vorfahren noch nicht auseinander setzen mussten, einmal abgesehen, ist der E-Mail-Kanal ein Tor zur globalen Welt, durch das in unsere PCs und Büros sehr viel mehr hineinweht als in die abgeschlossene und akustisch abgesicherte Studierstube. E-Mail schreiben hat eine sportliche Seite, die man mit Squash vergleichen kann: Es geht darum, möglichst schnell zurückzuschmettern. Im Vordergrund steht die Reaktionsgeschwindigkeit. Was nicht sofort beantwortet wird, ist verschwunden und begraben, frei nach Nietzsche: "der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts". Mit der besinnlichen Erprobung der eigenen Gedanken im Hin und Her des Briefwechsels hat das wenig zu tun, weshalb auch nicht zu erwarten ist, dass die Archivare der Zukunft - angenommen, das wäre technisch möglich - diese Quelle wissenschaftlicher Kommunikation in ihren grauen Kästen konservieren werden.

Hier muss allerdings sofort hinzugefügt werden, dass sich inzwischen E-Mail und Internet zu zentralen nicht-territorialen Orten der Wissenschaft entwickelt haben. Die Schwerfälligkeit des Drucks kann nicht mehr mithalten, wenn es darum geht, neue Ergebnisse umgehend bekannt zu machen oder Datensätze allgemein zur Verfügung zu stellen. Der digitale Datenstrom fördert die Demokratisierung der Wissenschaft, indem er das Gefälle von Zentrum und Peripherie abbaut und es ermöglicht, dass damit auch von den Rändern her neue Impulse zu den Zentren vordringen können. Die elektronische Verflüssigung hat dabei nicht nur den Zeittakt von Kommunikation beschleunigt und ihre Frequenz erhöht, sondern hat sie vor allem auch global entschränkt. Die wissenschaftlichen Gedanken sind damit frei, sich über Kontinente und Grenzen hinwegzusetzen. Das ist oft der Auftakt zum nächsten Schritt, der darin besteht, dass die Wissenschaftler selbst sich über große Distanzen hinwegbewegen.

Im Vergleich zur handschriftlichen Gelehrtenkorrespondenz dreht sich die über E-Mail abgewickelte wissenschaftliche Kommunikation - soweit ich das beurteilen kann - immer mehr um organisatorische Belange. Wissenschaft ist ein immer größeres Organisationsproblem bzw. -projekt geworden. Man organisiert Reisen, Einladungen, Gastprofessuren, Kolloquien, Ringvorlesungen, Forschungsverbünde, Drittmittelanträge. Ohne diese organisatorischen Vorkehrungen läuft heute in der Wissenschaft gar nichts. Dabei geht es nicht nur um die Zunahme von Wissenschaft als Betrieb, es geht auch um zunehmende räumliche Bewegung.

Parerga - das sind die 'Nebenwerke' wie Tagebücher, Entwürfe oder Briefe, die sich um ein literarisches oder wissenschaftliches Werk herumranken und es damit zugleich als informelle, weniger stabile Form strukturell befestigen. Im Zeitalter der Gelehrten-Korrespondenz waren dies die handschriftlichen Briefe, in denen gemeinsam vorgedacht wurde, was in Druck zu geben war. Diese kommunikative Vorschule der Publikationen hat sich im Zeitalter der elektronischen Korrespondenz, des hyperaktiven Tagungswesens und des Wissenschaftstourismus in die räumliche Mobilität verlagert. Es sind heute immer weniger die Gedanken, die auf Reisen geschickt werden, und immer mehr die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, die sich im Raum bewegen. Was früher der briefgestützte Vorlauf der Gedanken durch verschiedene Köpfe war, ist heute die Mobilität der Wissenschaftler im Raum. Zur wichtigsten Ressource für Wissenschaftler gehört deshalb neben Labor und Bibliothek inzwischen ein gewieftes Reiseunternehmen.