TuerkroeteHeft 16: TESTUDO VOLANS GEHT INS EXIL


Die fliegende Schildkröte, das Maskottchen dieser Zeitschrift, sieht von schräg unten auf die sich schließende Pforte der Gegenw'orte. Staunend beobachtet Testudo volans, wie sich das Feld um sie herum verändert, und zieht sich, fürs Erste ohne Jubel, in ihr Gehäuse zurück.

 

Nur in der Antike galt jene Schildkröte, die den Adler bat, ihr das Fliegen beizubringen, als anmaßend. Seit Anbruch des 21. Jahrhunderts hat Testudo volans als kreativ-innovativ-grenzüberschreitendes Symbol für Unmögliches ihren unauslöschlichen Platz im virtuellen Raum.

Der Genius loci der Redaktion verweht, Testudo breitet noch einmal ihre Flügel aus, streicht damit sanft über die Häupter ihrer Fans, verbeugt sich vor den Autorinnen und Autoren und Bildermachern, deren Ideen sie acht Jahre beflügelt hatten ... und hebt sich in die Lüfte - auf der Suche nach einer Arche, einem neuen Ort, einer Location, einem Hort, einer Bleibe, einem Stall, einem Refugium, Landeplatz oder einem neuen Host.

Die Chronistin zerdrückt eine Träne und tröstet sich damit, dass Testudo volans schon viele Könige, Gelehrte und Glaubenswechsel und sogar Aischylos überlebt hat, dem sie auf den Kopf gefallen war (vgl. Heft 1 der gegenworte).

Kurz bevor man höheren Ortes befand, dass das Reservat für empirisch nicht verbürgte Fantasieprodukte geschlossen wird, erreichte die Redaktion ein elektronisches Liebesbriefchen. Um Sentimentalitäten vorzubeugen, soll es anstelle eines Nachrufs die Gefilde des exilierten gegenworte-Maskottchens füllen.

testosterührende
testudos / klonen
auch lustbeine / im flug /
adlern gerupfte / vögel /
zeitlupeln / den drögelnden geist /
im gegenwind:
das emblem aber bleibt:
bewusstheit panzert sich /
schildbürgend ein.

Wolfgang Schlott, 27. Juli 2005