Heft 17: DIE WIEDERKEHR DER ELITEN Einführung und Dokumentation Elitär oder exzellent? Egalitär oder avantgardistisch? Die polemischen und häufig in die Irre gehenden Polarisierungen kennzeichnen den engagiert geführten Disput: Die Wiederkehr der Eliten zeigt sich zunächst als eine Renaissance der öffentlichen Eliten-Debatte im Gewande der Exzellenz-Diskussion. Man kann sich freilich fragen, warum gerade jetzt dieses Thema im medialen Brennpunkt steht. Und man könnte vermuten, dass dieser Tatbestand selbst Ausdruck einer Krisensituation sei: Wenn es gut läuft, spricht keiner über Eliten - insbesondere Wissenschaftseliten -, sondern erst, wenn die Alarmglocken läuten. Unüberhörbar werden dann Mahnrufe wie jene von PISA- und OECD-Studie, die umso lauter in den Ohren klingen, wenn die Wirtschaftsdaten Besorgnis erregen. Das erinnert die Älteren an den 'Sputnik-Schock' in den späten fünfziger und an die in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts viel beschworene 'Bildungskatastrophe', als das deutsche Wirtschaftswunder an Wirkungskraft eingebüßt hatte. Die Bildungsreformen der nachfolgenden Jahre brachten dann nicht nur den verstärkten Hochschulausbau hervor, sondern generierten als Gegenentwurf zu den 'Massen-Universitäten' etwa auch die Modelle 'Bielefeld' oder 'Konstanz', an denen die Bedingungen für Spitzenforschung und -lehre geschaffen werden sollten. Aber bekanntlich blieben auch diese frühen Alternativ-Entwürfe der Exzellenz nicht von den 'Massen' verschont, die zunehmend auf den Campus und in die Seminarräume drängten (trotz NC und Überlastquotenregelungen). Und heute? Mit dem Wandel der Arbeitswelt, der demografischen Entwicklung und der Globalisierung stehen wir vor grundlegenden Aufgaben, die Veränderungen im Bildungssystem erfordern. Mit Blick auf die prognostizierte 'Wissensgesellschaft' wie immer sie aussehen wird und die weltweite Konkurrenz um Erkenntnisfortschritt und Innovation rücken Bildung und Wissenschaft mehr denn je ins Zentrum politischer und öffentlicher Aufmerksamkeit. Als im Jahre 2000 eine Ausgabe der gegenworte mit dem Titel "Gütesiegel für die Wissenschaft?" erschien, war bezeichnenderweise in jenem Heft von 'Elite' noch überhaupt keine Rede, dafür umso mehr von 'Qualität' und 'Qualitätssicherung'. Immerhin: Die Idee der 'Exzellenz' als Zuschreibungskategorie erlebte bereits ihre zarte Morgenröte und zurzeit stellt der Beobachter verblüfft fest: Die 'Exzellenz' strahlt heller denn je. Und in ihrem Glanze gewinnt ebenfalls der jahrzehntelang im Schatten vegetierende Topos der 'Elite' zunehmend an positiver Aufmerksamkeit. Als primär der Neubau und Ausbau von egalitär orientierten Universitäten auf der hochschulpolitischen Tagesordnung stand, war der Begriff der 'Elite-Universität' weitestgehend stigmatisiert. Gegenwärtig besteht über die Notwendigkeit der Reform der Universitätslandschaft wohl weitgehend Konsens. Wenig Einigkeit herrscht indes darüber, welche Wege der Reform einzuschlagen wären. Was die aktuelle Exzellenz-Initiative betrifft, erhielt die Redaktion irritierend viele Absagen von potenziellen Beiträgern: Während einige angaben, mit dem Exzellenz-Wettbewerb zu beschäftigt zu sein, fürchteten andere, ein Artikel könnte die Chancen des eigenen Antrags schmälern. Ein japanisches Sprichwort lautet: "Der Frosch im Brunnen ahnt nichts von der Weite des Meeres." Das zumindest steht fest: Der Blick vom Leuchtturm - wenn man ihn denn hat - sieht weiter als der Brunnenblick (auch wenn es für die Funktion des Leuchtturms vorrangig darauf ankommt, dass sein Licht vor allem von ferne gesehen wird). Aber man sollte darüber auch die Nahsicht nicht vergessen. Es genügt nicht, allein darauf zu vertrauen, dass man in die Ferne zu schauen vermag und dabei weithin sichtbar bleibt. Vogelschau und Froschperspektive ergeben zusammen erst das vollständige Bild. Die Dokumentation will die Vielfalt der Perspektiven verdeutlichen. Die Kenntnis vieler Blickwinkel ist jedenfalls eine gute Voraussetzung für die Wahl der besseren Perspektive. Noch haben wir keinen Königsweg. Gegenworte sind keine Geleitworte: Der Disput wird fortgesetzt.
|  |