Heft 17 - Hans-Martin Gauger: AUS DEM WÖRTERBUCH DES UN-AKADEMISCHEN "'Alleinstellungsmerkmal' - was ist das eigentlich?"
"Ja, das gehört jetzt so, seit einiger Zeit, zum 'Neusprech' an unseren Universitäten." "'Neusprech'?" "Ja, davon kann man schon reden, finde ich, und etwas Orwellhaftes ist auch dabei, etwas Bedenkliches in dem schönen doppelten Sinn, den das Adjektiv 'bedenklich' haben kann: Es ist nicht in Ordnung (das ist der alltagssprachliche Sinn), dann aber: Man sollte darüber nachdenken; diesen zweiten Sinn möchte man oder jedenfalls ich dem Wort gern zusätzlich geben; Heidegger hat es ohnehin so verwendet. Also neuerdings gibt es eine ganze Reihe von Wörtern, die zu diesem 'Neusprech' gehören." "Ja, aber sag mir doch erst einmal: Ist 'Alleinstellungsmerkmal' nicht, was du ein 'durchsichtiges Wort' nennst?" "Natürlich, ja, denn es ist 'durchsichtig' auf die Wörter hin, die in ihm selbst enthalten sind: 'allein' und 'Stellung' und 'Merkmal'. Und das letzte Glied bezeichnet, jedenfalls im Deutschen, das, was das Gemeinte ist: hier also ein Merkmal." "Ist das nicht das 'Determinatum'?" "Genau, denn es ist das Element, das durch das andere Glied, hier 'Alleinstellung', näher bestimmt wird: Determinátum somit und Detérminans. So ist also das durchsichtige Wort eines, das nicht nur benennt, sondern in seinem Nennen schon etwas sagt. Es definiert gewissermaßen, was es meint." "Aber ist nicht 'Alleinstellungsmerkmal' einfach ein 'zusammengesetztes Wort', ein 'Kompositum'?" "Ja, nur ist 'durchsichtiges Wort' eben der Oberbegriff, denn es gibt auch andere Arten von 'Wortdurchsichtigkeit', Bildungen mit Affixen, also solche mit Suffixen oder mit Präfixen. Die sind ebenfalls 'durchsichtig'. Das Wort 'Stellung' zum Beispiel ist eine Suffixbildung. Ein Alleinstellungsmerkmal bewirkt, dass etwas für sich allein gestellt wird, so also, dass etwas Einziges dabei herauskommt. In der Endung '-ung' von 'Stellung' liegt ja hier dieses Dynamische. Etwas wird als ein Merkmal so gesetzt, dass dasjenige, dem es gegeben wird, als ein nur einmal Vorkommendes steht. Also etwa eine Universität oder ein Institut oder ein Projekt stehen, mit diesem Merkmal versehen, einzig da. 'Projekt' ist ja auch so ein Zauberwort jenes 'Neusprech'." "Verstehe, ohne Projekt gehts nicht. Oder, wies in Faust II heißt, im 'Gemurmel' des Volks über Mephisto: 'Ich weiß schon - Was dahintersteckt - / Und was denn weiter? - ein Projekt'. Das ist natürlich prima, wenn man in einem Antrag, etwa für ein 'Projekt', sich mephistophelisch so ein 'Alleinstellungsmerkmal' schafft. Man gibt zu verstehen, hier beantragen wir etwas, das es sonst nirgends gibt." "Ja, und die, die zu bewilligen haben, sagen sich entsprechend: Da würden wir echt etwas bewilligen, das es sonst nirgendwo gibt (gibt es denn ein besseres Argument?)." "Aber gehört dies nicht zu dem, was man 'Optik' nennt? Denn warum, möchte ich mal wissen, darf es etwas, das gut ist, nur einmal geben, warum nicht oft oder geradezu überall? Und dann - und vor allem - umgekehrt: Die 'Alleinstellung' bedeutet doch wirklich nicht automatisch, dass das 'Alleingestellte' gut ist. Und dies wäre doch die eigentliche Frage?" "Genau. Aber mir fällt ein, dass ich vor einem knappen Jahr einen Aufsatz des Philosophen Martin Seel gelesen habe. Er war, glaube ich, in einem Heft der Neuen Rundschau. Moment: hier hab ich es, ja, im zweiten Heft 2006 des 117. Jahrgangs dieser doch wohl ältesten allgemeinen deutschen Zeitschrift - gegründet 1890. 'Lob der Einzelforschung' lautet der Titel, und der hübsche Untertitel ist: 'oder: Auszüge aus dem Wörterbuch des universitären juste milieu'." "Martin Seel, der in Frankfurt? Ja, den kenn ich. Der kann schreiben! Was für Wörter oder Ausdrücke nennt er denn da?" "Also erst einmal das alte, schon aus Bielefeld geläufige 'Interdisziplinarität', oder auch, neuer und sich von ihm interessant, aber undeutlich abhebend (es ist wohl weniger ausgreifend), 'Transdisziplinarität', dann natürlich 'Synergie' und 'Drittmittel' und 'Exzellenz-Cluster', ja, und 'Graduiertenschule', 'Zielvereinbarung' und 'Effizienz', und dann in der Tat auch 'Alleinstellungsmerkmal', schließlich 'Evaluierung', 'Leuchttürme', 'Eckprofessuren' und 'Eckprofessoren'. Auch einige andere Begriffe, die ich mir angestrichen habe, laufen nebenher mit: etwa 'Planungssicherheit', 'Evaluierungsbereitschaft', 'Außenwirkung', 'Anschlussfähigkeit', 'Kompatibilität' und 'Exzellenz-Initiative'. Du siehst übrigens: Das sind fast alles 'durchsichtige Wörter', manche sind sogar als englische oder lateinische oder griechische 'durchsichtig': 'Exzellenz-Cluster', also eigentlich 'Büschel' oder 'Trauben' oder 'Haufen' von Vorzüglichkeit, und 'Synergie', also 'Zusammen-Wirken'â oder 'Synergie-Effekte'. Da macht dies 'Wörterbuch' wahrlich exuberanten Gebrauch von der schönen Möglichkeit des Deutschen, uneingeschränkt 'durchsichtige Wörter' bilden zu können, denn dies geht anderswo, englisch oder gar französisch oder spanisch, nicht so leicht ... Dieses kleine 'Wörterbuch', das sich vermehren ließe, sei nun, so Seel, eben das der 'aktuellen Hochschulpolitik' und spiegle eine 'heute vielerorts zum Reflex gewordene Denkweise'. Es sei geradezu, sagt er, in Anlehnung an Heideggers bleibende Analyse des 'Daseins', 'die Stimme eines universitären Man'. Ein solches gibt es in der Tat." "Wirklich, ich bin beeindruckt. Denn eine Sprechweise ist ja nie nur dies, sie hat immer im Denken ihr Korrelat. Solch ein 'Wörterbuch' verrät etwas, es ist verräterisch." "Ja, eben. Ich würde übrigens noch unbedingt 'Innovation' und 'innovativ' in jenes 'Wörterbuch' aufnehmen. Denn eigentlich ist dieser rein positive Gebrauch von 'Innovation' und 'innovativ', der sich nun überall ausgebreitet hat, ein Unfug. Er wäre es nur dann nicht, wenn das Vorhandene durchweg schlecht wäre. Eigentlich müsste doch, zumindest im Bereich der sogenannten 'Geistes-' oder 'Sozialwissenschaften', 'Innovation' und 'innovativ' neutral gebraucht werden, denn offensichtlich gibt es nicht nur gute, sondern auch schlechte Innovationen. In dem, was Seel (und das ist ebenfalls, weil er so greifbar 'technisch' ist, ein guter Ausdruck) 'Laborwissenschaften' nennt, mag es anders sein. Da muss wohl immer Neues sein." "Ja, gut. Aber du hast recht. Wir haben ja nun, du und ich, wahrlich nicht wenige negative 'Innovationen' an uns vorüberziehen sehen." "Ja, eben, man müsste sie einmal zusammenstellen für unsere Fächer. Doch weiter! Seel meint, schon ein Blick in dieses 'Wörterbuch' zeige klar, dass gegenwärtig ein ganzes Bündel, um nicht wieder 'Cluster' zu sagen, von Vorstellungen im 'Umlauf' sei, das 'die wissenschaftliche Produktivität zu begraben droht'. Daher fordert dieser Philosoph zunächst einmal 'Sprachkritik'. Er sieht eine 'vergiftete Sprache' am Werk. Und diese Sprache sei, so sagt er, 'der Jargon der Ökonomisierung'." "Schön, und was folgert er daraus?" "Nun, gerade das leuchtet mir ein. Er verwirft dies alles nicht und schon gar nicht pauschal. Keineswegs empfiehlt er die schiere 'Verweigerung': 'Verweigerung, Abtauchen, Sichausklinken - das wird nichts nützen', sagt er. Er empfiehlt aber, deutlich genug, 'eine widerständige Beteiligung an all den Prozessen', von denen er, immerhin klar andeutend, geredet hat. Ja, und dann: die 'Einzelforschung' dürfe nicht perhorresziert werden." "Wird sie das?" "Nun, etwas schon. Wenn uns gesagt wird, das müsse nun aufhören, dass da jemand still und ohne Kontakt zu anderen nur mit deren stummen Büchern und Aufsätzen redend vor sich hin forsche ..." "Gut, das mit der (heute würden wir wohl sagen) unmenschlichen Stummheit des Geschriebenen findet sich ja schon im Phaidros von Plato: 'Fragst du das Aufgeschriebene, so antwortet es dir nur immer dasselbe'." "Richtig. Aber Einzelforschung, trotz aller intensiven und (vor allem lästig) extensiven Beratungssitzungen, wie sie uns heute zur Pflicht gemacht werden, wird immer bleiben, und immer wird sie auch ganz unabdingbar sein. Noch einmal Faust, aber nun 'Erster Teil': 'Ach wenn in unsrer engen Zelle / Die Lampe freundlich wieder brennt, / Dann wirds in unserm Busen helle, / Im Herzen, das sich selber kennt ...' Das sind ja so unsere Orgien. Aber dass es Kollegen gibt (ich habe davon nicht wenige), deren Ideal es ist, einem eines Tags ein Buch mit 400 Seiten hinzulegen, ohne dass man vorher auch nur gewusst hätte, dass sie darüber gearbeitet haben - obwohl ihr Amtszimmer, in dem sie freilich nur zu ihren 'Sprechstunden' eigentlich sind, bloß wenige Meter von deinem entfernt liegt! Und beim Lesen merkst du dann gleich, vor welchen Fehlern du den Mann hättest bewahren können - nur durch ein paar Fragen, die er dir gestellt hätte, durch ein Gespräch. Also, das ist nun wirklich auch nicht das Richtige! Vielmehr: Es müsste aufhören." "Gut, da sind wir uns einig. Und vermutlich wäre dies die beste und übrigens nicht besonders teuere Forschungsförderung überhaupt: uns Zeit lassen oder dann geradezu Zeit schenken für jene Stunden in der 'engen Zelle', in der 'die Lampe freundlich brennt', dann aber auch und vor allem, würde ich sehr dezidiert hinzusetzen: für Gespräche mit anderen, auch wenn sie nicht vom gleichen Fach sind und uns nur eben ihr kritisches und anders als unser eigenes informiertes Interesse schenken." "Sehr gut. Und was sagt unser Philosoph zum 'Alleinstellungsmerkmal'?" "Ja, dazu schreibt er: 'Unter dem Druck politischer Planung sehen sich die Universitäten gezwungen, ihr Angebot zu verengen, nicht selten mit der Folge, Fächer an Nachbaruniversitäten auszugliedern oder gar ganz zu schließen, die sich gerade in der Blüte ihrer Kraft einschließlich ihrer Attraktivität für die Studierenden befinden. Es war lange eine Besonderheit - ein internationales "Alleinstellungsmerkmal" - der bundesrepublikanischen Forschungslandschaft, dass sie sich quer durch die Fächer nicht auf wenige Zentren konzentrierte, dass vielmehr jederzeit an allen Ecken und Enden spannende Forschungszusammenhänge entstehen konnten. Damit soll es jetzt vorbei sein.' Das ist 'bedenklich' - oder?" |  |