Heft 2 - Marco Finetti, Armin Himmelrath: DAS VERDRÄNGTE PHÄNOMEN

Vom jahrzehntelangen Nicht-Umgang deutscher Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen mit Betrug und Fälschung in den eigenen Reihen


Als im Frühling des Jahres 1997 die ersten Umrisse dessen ans Licht kamen, was seitdem als 'Fall Herrmann/Brach' bekannt ist und den bisher größten Fälschungsskandal der deutschen Wissenschaft markiert, reagierte die scientific community hierzulande mit Fassungslosigkeit und ungläubigem Staunen. 'Entsetzt', 'bestürzt' und 'empört' zeigten sich Hochschulen, Forschungsinstitute, Wissenschaftsorganisationen und Wissenschaftler über die offensichtlich großangelegten Manipulationen, der beiden Krebsforscher, die beinahe täglich neue Dimensionen annahmen. "Ich fühle mich betrogen und beschämt", bekannte Prof. Dr. Woifgang Frühwald, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), "ich fühle mich vor allem für die gesamte Gemeinschaft der Wissenschaftler beschämt". Zum Schock hinzu kam die Furcht vor den Konsequenzen: Einen "ungeheuer großen Schaden im Vertrauen der Öffentlichkeit", befürchtete schon bald Prof. Hubert Markl, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, und tatsächlich dauerte es nicht lange, da riefen Zeitungskommentatoren ihren Lesern die Abhängigkeit der deutschen Spitzenforschung von den Geldern der Steuerzahler in Erinnerung, warfen Staatsanwälte neugierige Blicke hinter die Kulissen des Forschungsbetriebs, räsonierten Politiker öffentlich über mögliche institutionelle Veränderungen, mit denen sich ähnliche Vorkommnisse künftig vermeiden lassen könnten.

Die Schockierten legten eine große Entschlossenheit an den Tag: Umfassende Aufklärung wurde angekündigt, und noch bevor die Öffentlichkeit den Skandal in Gänze erfassen konnte, hatten sich eilends eingesetzte Untersuchungskommissionen: daran gemacht, diese Aufklärung zu leisten - energisch und ohne falsche Bescheidenheit: "Wir sind mitten in der Kehrwoche", brachte erneut Hubert Markl die Dinge auf den Punkt, "wir werden nach dem, was jetzt passiert ist, den Besen schärfer schwingen, als wir es sonst vielleicht getan hätten". All diese Reaktionen waren voll und ganz berechtigt, und das nicht nur wegen der Vorfälle, die ihnen zugrunde lagen. Denn was da Mitte März 1997 zutage trat, war nicht nur der Beginn des bislang größten Betrugs- und Fälschungsskandals in der Geschichte der deutschen Wissenschaft, sondern auch das Ende einer ebenso gern gepflegten wie verhängnisvollen Fiktion, mit der Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen hierzulande sich selbst und die Öffentlichkeit jahrzehntelang in die Irre geführt und in falsche Sicherheit gewiegt hatten.

Welche Rolle spielen Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft? Zugegeben: Es waren nicht viele, die vor dem 'Fall Herrmiinn/Brach' diese Frage stellten. Wer dies jedoch tat, erhielt von Spitzenvertretern des hiesigen Wissenschaftssystems wie von Wissenschaftlern nahezu immer dieselbe Antwort: So etwas gibt es bei uns praktisch nicht. Die Wortwahl mochte dabei durchaus variieren: Mal war von einem 'vernachlässigenswerten Phänomen' die Rede, mal von 'einer Erscheinung, die fast nicht ins Gewicht fällt'. Der Tenor aber war stets der gleiche: Abgeschriebene, geschönte, gefälschte oder frei erfundene Forschungsarbeiten und -ergebnisse waren für die deutsche Wissenschaft vor dem Frühjahr 1997 kein Thema - und schon gar kein Problem. Allenfalls kleinere Verfehlungen einzelner Forscher habe es hin und wieder gegeben, räumten die Auskunftswilligeren der Gesprächspartner ein, und dafür stand dann unterm Strich das 'praktisch nicht'. Doch auch diese Ausnahmefälle seien ohne Bedeutung geblieben. Auf der Landkarte der wissenschaftlichen Manipulation war Deutschland der weiße Fleck. Dies jedenfalls war das Bild, das Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen hierzulande präsentierten, über Jahrzehnte hinweg und mit Erfolg. Doch dieses Bild war falsch. Oder vielmehr: Es war selbst gefälscht.

Entgegen allen gegenteiligen Versicherungen: Auch in der deutschen Wissenschaft hatten sich bereits vor dem "Fall Herrmann/Brach' zahlreiche Betrugs- und Fälschungsfälle ereignet: Von geschönten bis zu frei erfundenen Daten, vom Plagiat bis zum Betrug wiesen sie alle erdenklichen Spielarten auf. Naturwissenschaften waren ebenso betroffen wie Geisteswissenschaften, Hochschulen ebenso wie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Große Forscherpersönlichkeiten und renommierte Professoren fanden sich unter den Betrügern und Fälschern, aber auch namenlose Doktoranden und Studenten. In alledem unterschied sich der deutsche Wissenschaftsbetrug also nicht etwa von dem in den USA und anderen Ländern und Wissenschaftssystemen. Allenfalls nicht derart zahlreiche spektakuläre Fälschungen wie jenseits des Atlantiks mochte man hierzulande zu verzeichnen haben, doch dieser Unterschied war eher ein qualitativer denn ein substantieller. Nur in einem Punkt lagen Welten zwischen den deutschen und ausländischen Fällen: In den USA, aber auch in Skandinavien wurden wissenschaftliche Manipulationen spätestens seit den 70er Jahren offen diskutiert, und zwar innerhalb wie außerhalb der Wissenschaft. Forscher und Forschungsorganisationen hinterfragten die Arbeitsweisen ihrer Zunft, Untersuchungsausschüsse und Zeitungskommentatoren spürten den Ursachen und Hintergründen nach, Politik und Justiz setzten Schutzvo-rkefarungen und Kontrollmechanismen durch. Damit konnten sie zwar nicht verhindern, daß es immer wieder zu neuen Fällen kam. Aber das Problem war erkannt, Betrug und Fälschung in der Wissenschaft waren zum öffentlichen Thema geworden. Ganz anders hierzulande. Eine offene Auseinandersetzung über Wissenschaftsbetrug und -fälschung fand hier zu keinem Zeitpunkt statt, innerhalb der Wissenschaft genauso wenig wie außerhalb. Daß es dazu nicht kam, dafür sorgten vor allem die direkt und indirekt betroffenen Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen selbst. Natürlich wurde darüber gesprochen, aber fast immer nur hinter vorgehaltener Hand und bevorzugt über die Fälle der anderen. Wann immer sie Lug und Trug in ihren eigenen Instituten und Labors entdeckten, waren Hochschulen und Forschungseinrichtungen und die angeschlossenen Organisationen des Wissenschaftssystems eifrig bemüht, diese in aller Stille aufzuklären und abzuschließen. In aller Stille - und in eigener Regie. Öffentlichkeit, Medien und erst recht Staat und Justiz aus den Vorfällen herauszuhalten war oberstes Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, waren sie auch zu schalen Kompromissen bereit - daß diese ihnen in der Sache eher schadeten als den Betrügern und Fälschern, war einerlei, Hauptsache, man blieb Herr des Verfahrens und konnte selbiges rasch und ohne Aufsehen zu den Akten legen. Doch nicht nur die selbstkritische Auseinandersetzung mit den einzelnen Fällen unterblieb. Auch die Diskussion über das Problem an sich fand nicht statt. Über die Ursachen und Hintergründe von Wissenschaftsbetrug und -fälschung wurde ebenso wenig offen nachgedacht wie über Schutz- und Abwehrmöglichkeiten.

Statt sich beizeiten und am Beispiel noch halbwegs überschaubarer Fälle zu wappnen, stürzte man deshalb sorg- und schutzlos in den größten Fälschungsskandal der eigenen Geschichte. Dies beschreibt freilich nur die eine Hälfte der Geschichte. Von Beginn an begnügten sich Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen hierzulande nicht damit, Betrug und Fälschung zu verdrängen und eine kritische Auseinandersetzung darüber zu unterbinden. Viele derer, die das Problem ignorierten oder herunterspielten, bastelten zugleich an dem exakten Gegenbild - dem Bild der deutschen Wissenschaft, in der Betrug und Fälschung keine Rolle spielten, ja im Grunde gar nicht spielen konnten. Dieses Bild wurde gegenüber der Öffentlichkeit hochgehalten, wenn diese - selten genug - danach verlangte, aber auch zur eigenen Bestärkung, zur Versicherung gegenüber sich selbst und den wenigen Zweiflern in ihren Reihen. Um Erklärungen, Argumente und Belege waren sie nicht verlegen.
 

Da waren zunächst die Idealisten. Betrug und Fälschung waren für sie schlichtweg nicht existent. So wie es schon Galilei statuiert hatte - um freilich selbst später dagegen zu verstoßen -, waren sie davon überzeugt, daß Wissenschaft allein dem Dienst an der objektiven Wahrheit diene und daß dieser Dienst auch zur sittlichen Reife des Wahrheitssuchenden führe. Dies galt in ihren Augen für die Wissenschaft generell, erst recht aber im Lande Humboldts. Fälschung und Betrug waren in diesem Denkbild einfach frevelhaft - und deshalb praktisch unmöglich. Die Zahl der Idealisten war gering, und allzu offensiv nach außen vertraten sie ihre Überzeugung nicht. Immerhin aber: Es gab sie. Wesentlich zahlreicher und bereiter, ihre Ansicht öffentlich kundzutun, waren die Rationalisten. Sie beriefen sich auf die Wissenschaft selbst und deren 'Selbstheilungskraft', die Betrug und Fälschung nahezu ausschließe. Mit Sir Francis Bacon und Robert K. Merton hielten sie das Postulat von der unbedingten Reproduzierbarkeit aller wissenschaftlichen Ergebnisse hoch, und die darin innewohnende Logik und die über alle Zweifel erhabenen Kronzeugen verliehen ihnen Glaubwürdigkeit. Weil alles Forschertun der rigorosen Kontrolle der folgenden Generationen unterworfen sei, werde jede wissenschaftliche Manipulation unweigerlich auffliegen und gravierende Folgen nach sich ziehen. "Ich behaupte, daß kein wirklicher Betrug in der Wissenschaft lange unentdeckt bleibt, so groß ist der Wettbewerb der Forscher und das Mißtrauen der Konkurrenz", formulierte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Woifgang Frühwald noch im Sommer 1995. Und: "Kein ertappter Wissenschaftler wird jemals wieder das Vertrauen seiner Kollegen gewinnen können. Die Mechanismen der Achtung sind hart und funktionieren weltweit unbarmherzig." Ein solches Risiko werde kein vernünftig denkender Wissenschaftler eingehen. Betrug und Fälschung reduzierten sich dank dieser Logik aufEinzelfälle, die leicht als Ergebnis fehlgeleiteten Ehrgeizes oder krimineller Energie abgetan werden konnten. Zum Problem wurden sie so erst gar nicht.

Ebenso differenziert wie glaubwürdig - zumindest auf den ersten Blick - traten die Nationalisten auf. Ihre These war die eines deutschen Sonderwegs auch in Sachen Betrug und Fälschung. Sie leugneten weder das Problem, noch daß es vor allem in den USA zahlreiche Fälle gegeben hatte. Doch was dort gelte, müsse hier noch lange keinen Bestand haben. Schließlich unterschieden sich gerade das amerikanische und das deutsche Wissenschaftssystem grundlegend: Hier die vergleichsweise komfortable Ausstattung und Absicherung mittels garantierter Erstausstattung, dort der gnadenlose Wettbewerb des 'publish or perish'. "Der Anreiz, mit geschönten oder gar gefälschten Daten die eigene Karriere zu beschleunigen", führte erneut der Präsident der Forschungsgemeinschaft Mitte 1995 aus, "ist in einem solchen System größer als (...) in dem System der deutschen Forschung, das von der wissenschaftlichen Selbstverwaltung streng kontrolliert und (...) legitimiert wird". All diese Argumente waren freilich ebenso unhaltbar wie die Grundthese, die sie untermauern sollten. Schon aus sich selbst heraus ließen sie sich ausnahmslos widerlegen. Selbst wenn ihre Vertreter nichts von den konkreten deutschen Betrugs- und Fälschungsfällen gewußt hätten, hätte ihnen bewußt sein müssen, daß sie auf diese Weise kaum ernsthaft behaupten konnten, derlei gebe es in ihren Reihen nicht, ja könne es praktisch gar nicht geben. Die meisten derer, die dieses Bild malten, wußren jedoch zumindest von einzelnen Fällen - und deshalb waren ihre Argumente um so unverantwortlicher. Dies galt vor allem für die Idealisten und ihr Argument von der objektiven Forschung. Dieses als unhaltbar zu erkennen hätte ein kurzer Blick genügt. Nach der unheilvollen Verstrickung der deutschen Wissenschaft in das Terrorregime der Nationalsozialisten von einer nur der Wahrheitssuche verpflichteten Wissenschaft zu sprechen war nichts als Zynismus. Ein Zynismus, der zugleich besonders konsequent war. Auch dieses Kapitel ihrer Geschichte hatte die deutsche Wissenschaft nach 1945 schließlich jahrzehntelang verdrängt, und wie bei Betrug und Fälschung bedurfte es auch bei ihm erst eines besonders spektakulären Einzelfalls - der Enttarnung des renommierten Germanisten und ehemaligen Hochschulrektors Prof. Dr. Hans Schwerte als früheren SS-Hauptsturmbannführer Hans Ernst Schneider und Mitarbeiter Himmlers -, bevor sich Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen seiner in größerem Stil annahmen. Auch die Rationalisten und ihr Verweis auf die Selbstheilungskraft der Wissenschaft wären mit einem Blick auf die hierzulande sehr wohl bekannten amerikanischen Fälle zu widerlegen gewesen. Tatsächlich hatte das Postulat der unbedingten Reproduzierbarkeit aller Forschungsergebnisse in den USA dafür gesorgt, daß zahlreiche Manipulationen aufgeflogen waren. Doch verhindert hatte es diese ebenso wenig, wie es nachfolgende Betrüger abgeschreckt hatte. Zudem dauerte es mitunter Jahrzehnte, bis sich Resultate als gefälscht erwiesen. Und andere blieben schon deshalb auch dann noch unentdeckt, weil das eherne Postulat in Wirklichkeit längst nicht in allen Disziplinen griff: In den Naturwissenschaften mochte die Frage der Wiederholbarkeit noch so essentiell sein, in den Geisteswissenschafren stellte sie sich oftmals erst gar nicht. Daß all dies schließlich nur für die USA, nicht aber für Deutschland gelte, daß hierzulande vielmehr eigene Regeln herrschten und Betrug und Fälschung in größerem Umfang unmöglich machten, hatte den Nationalisten im Grunde schon zu Beginn des Jahrhunderts Max Weber widerlegt: "Unser deutsches Universitätsleben amerikanisiert sich, wie unser Leben überhaupt, und diese Entwicklung (...) wird weiter übergreifen", schrieb der Soziologe 1919.

Am Ende widersprachen alle Argumente, mit denen Wissenschaftler hierzulande das Fehlen von Betrug und Fälschung in den eigenen Reihen untermauern wollten, nicht nur den Fakten, sie genügten auch nicht den elementaren Kriterien wissenschaftlich-kritischen Denkens, die dieselben Wissenschaftler sonst an ihr Tun anlegten und auch von anderen erwarteten. Warum diese komplizierten Manöver von Verdrängung und Idealisierung, die im Grunde nichts waren als Täuschung und Selbsttäuschung? Auf die zentrale Frage gibt es eine einfache und auf den ersten Blick nicht einmal völlig unverständliche Antwort:

Aus Furcht vor den Folgen! Diese Furcht hat zahlreiche Facetten: Die einen fürchten allein den Skandal, der sich unweigerlich einstellen würde, wenn einzelne Betrugs- und Fälschungsfälle oder deren gesamtes Ausmaß bekannt würden. Dieser Skandal würde sie viel von dem hohen sozialen Ansehen kosten, das Wissenschaftler, vor allem mit einem Professorentitel ausgestattete, hierzulande noch immer besaßen. Andere fürchteten einen weiteren Vertrauensverlust der Öffentlichkeit in Forschung und Wissenschaft, der nach Arnzeimittelskandalen und Chemiestörfällen längst eingesetzt hatte. Und es gab die Furcht vor finanziellen Sanktionen: Ganze Wissenschaftszweige, zumindest aber einzelne Forschungsinstitute oder Hochschulen, die durch Manipulationen negative Schlagzeilen gemacht hätten, würden künftig bei der staatlichen und privaten Forschungsförderung das Nachsehen haben. Noch verbreiteter war die Furcht vor neuen rechtlichen Reglementierungen. Sie trieb vor allem jene um, die ohnehin bereits ein Übermaß juristischer Normen beklagten, das nach ihrer Überzeugung vor allem besonders zukunftsträchtige Forschungszweige beeinträchtigte. Wiederum andere fürchteten schließlich, daß die Kunde von Betrug und Fälschung auch im Inneren des Wissenschaftssystems weitreichende Veränderungen nach sich ziehen würde. Mit Blick auf den Umgang der Wissenschaftler miteinander wurde gewarnt, daß sich angesichts des immer schärferen Wettbewerbs um Fördergelder "schleichend ein Klima des Mißtrauens ausbreitet, (und daß) die Angst davor wächst, neue Ideen dem Votum von Gutachtern zu unterwerfen". Um wieviel größer würde das Mißtrauen erst werden, wenn die Furcht vor Betrug und Fälschung in den eigenen Reihen umginge? Andere befürchteten mit Blick auf die öffentlichen Reaktionen, daß mit der Diskussion um Betrug und Fälschung und deren Ursachen auch die Mechanismen des Wissenschattssystems ins Gerede kämen, die sie selbst an die Spitze gebracht hatten und dort hielten - und anderen den Weg nach oben erschwerten.

Die Befürchtungen waren unberechtigt. Von weiteren rechtlichen Reglementierungen der Forschung durch den Staat kann heute, mehr als ein Jahr nach dem Fall, ebenso wenig die Rede sein wie von finanziellen Restriktionen gegen besonders manipulationsanfällige Forschungszweige. Und wenn inzwischen manche verkrusteten Mechanismen des hiesigen Wissenschaftsbetriebs ins Gerede gekommen sind, so nicht in erster Linie wegen Betrug und Fälschung, sondern im Kontext der viel breiteren Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit und Reformbedürftigkeit des deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystems.

Viel Furcht also um nichts! Doch ohne nachträgliche Besserwisserei: Selbst wenn die Befürchtungen allesamt berechtigt gewesen wären - die Verdrängungsund Idealisierungsanstrengungen rechtfertigen konnten sie in keinem Fall. Die Folgen waren weit gravierender. Natürlich gab es Ausnahmen, natürlich stimmten nitirt alle der nach Zehntausenden zählenden Angehörigen des Wissenschaftsbetriebes in die allgemeine Verdrängung und Beschönigung ein, erhoben sich gegen die Menge der Verdränger und Beschöniger auch warnende Stimmen. Die des Juristen, Max-Planck-Institutsdirektors und DFG-Vizepräsidenten Prof. Dr. Albin Eser etwa, der in genauer Kenntnis der amerikanischen Fälle bereits in den achtziger Jahren die deutsche Wissenschaft aufforderte, sich endlich auf die Möglichkeit von Betrug und Fälschung einzustellen. Oder seiner Doktorandin Stefanie Stegemann-Boehl, die nicht nur die lückenhaften Schutzvorkehrungen und Sanktionen des deutschen Rechtssystems gegen Betrug und Fälschung analysierte, sondern auch eine Reihe konkreter Fälle recherchierte und dabei in der hiesigen Wissenschaft ein fehlendes Problembewußtsein ausmachte. Es gab auch Forscher, die ein solches Problembewußtsein sehr wohl hatten, die zumindest unter dem Siegel der Vertraulichkeit von Betrügereien und Fälschungen in ihrer Nähe zu berichten wußten und sicher waren, daß dies keine Einzelfälle waren. Es gab Fälle, die sich entgegen aller sonstigen Bemühungen nicht mehr in aller Stille und in eigener Regie aufklären und zu den Akten legen ließen, die für Schlagzeilen in Fachjournalen und Tageszeitungen sorgten, Nachfragen der Politik provozierten und die Gerichte beschäftigten. Und es gab Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen, die solche Fälle zum Anlaß nahmen, über das Problem an sich nachzudenken und die etwa Regeln für korrektes wissenschaftliches Verhalten oder Schutzmaßnahmen gegen ihr Gegenteil formulierten. Doch sie alle blieben eben Ausnahmen, fanden kein Gehör, gingen in der Menge unter, konnten die einmal mit Gewalt eingeschlagene Richtung nicht ändern. Die deutsche Wissenschaft, repräsentiert in den Äußerungen ihrer Spitzenfunktionäre, verdrängte das Phänomen Betrug und Fälschung in ihren eigenen Reihen auch weiterhin und strickte zugleich auf das Eifrigste an dem Gegenbild, in dem dieses Phänomen nicht existierte, ja nicht existieren konnte. Wider die konkreten Fakten und wider die Grundprinzipien wissenschaftlich-kritischen Denkens täuschte sie so die Öffentlichkeit, führte Politik und Gesellschaft in die Irre, von deren Vertrauen und Geldern sie lebte. Und sie täuschte sich selbst und beraubte sich der Möglichkeit, zur rechten Zeit wirksame Schutzvorkehrungen und Sanktionen zu treffen. Nahezu niemand mochte daran denken, was eines Tages passieren würde, wenn diese Schutzvorkehrungen und Sanktionen gebraucht würden - aber nicht vorhanden wären. Wenn sich ein Fall ereignete, der nicht mehr verdrängt werden könnte - und der das Idealbild der deutschen Wissenschaft mit einem Schlag in sich zusammenstürzen ließe. Ein solcher Fall, so waren die einen überzeugt und hofften die anderen, würde nicht kommen. Doch er kam.


Bei diesem Beitrag handelt es sich um die für GEGENWORTE überarbeitete Einleitung zu dem Buch "Der Sündenfall. Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft", Bonn 1998.